„berufung.leben“ - Warst du wirklich du selbst?
Herbsttagung der ReligionslehrerInnen in St. Georgen/Längsee
am 9. September 2010
 
 

Am 09. September 2010 fand im Bildungshaus St. Georgen am Längsee die traditionelle Herbsttagung der ReligionslehrerInnen an allgemeinbildenden Pflicht-schulen statt.
Nach dem Morgenlob und der Eröffnung durch die Moderatorin Mag. Juliane Ogris richteten SAL Dr. Birgit Leitner und der neu ernannte Rektor Dr. Franjo Vidovič Grußworte an die 170 anwesenden ReligionslehrerInnen.

 

Danach war der Tagungsreferent, Pater Dr. Gustav Schörghofer SJ, Rektor der Wiener Universitätskirche der Jesuiten und Künstlerseelsorger, am Wort.
Mit dem Thema „Warst du wirklich du selbst“ gab er in drei Referaten der Berufung zum Selbstsein in christ-licher Schau Raum.
Mit behutsamen und einfühlsamen Worten schaffte er mit Verweisen auf bildende Kunst und Literatur be-deutende Zugänge zu diesem Thema. Insgesamt fand die Tagung in guter Atmosphäre statt und die Aus-führungen des Referenten wurden gut angenommen.

Den Abschluss bildete wieder der feierliche Bischofsgottesdienst, in dem Dr. Alois Schwarz den anwesenden KollegInnen Mut für das neue Schuljahr zusprach und ihnen für ihr bedeutsames Wirken dankte. Musikalisch beeindruckte wiederum der Chor unter der Leitung von Dipl. Päd. Waltraud Leopold, der nicht nur den Gottesdienst, sondern die ganze Veranstaltung musikalisch umrahmte.

 
 

Hier nun einige Zeilen zu den Ausführungen von Dr. Schörghofer:

Wo fange ich an?
Den ersten Vortrag unter diesem Titel eröffnete P. Schörghofer mit einer Tonbandaufzeichnung des letzten „Schalldämpfers“ von Axel Corti, in dem dieser – drei Tage vor seinem Tod - in einer adventlichen Betrachtung die Identität des Menschen in den Blick nahm. Der Ausgangpunkt dieser Betrachtung war eine chassidische Legende, die davon handelte, dass Rabbi Hillel nach seinem Tod für einen Augenblick aus dem Jenseits zurückkehren konnte und den Umstehenden mitteilen durfte: „Es ist alles ganz anders. Gott fragt: Wer warst du? Du musstest nicht Abraham oder Moses oder irgendein Heiliger gewesen sein…., sondern warst du Rabbi Hillel?“
Die Erkenntnis, dass Gott uns zu uns selbst, zu unserem eigenen und innersten Wesen ruft und beruft, sei aber nicht durch bloßes Nachdenken zu gewinnen, sondern durch existentielle Erfahrung, wie es der schwerkranke Corti in seinem „Schalldämpfer“ formuliert hat: „Unser Herz ist tief. Aber wenn wir nicht hinein-gedrückt werden, kommen wir nie bis auf den Grund. Und doch, man muss auf dem Grund gewesen sein, darum handelt´s sich.“
In dieser letzten Radiosendung spricht Corti auch von seiner Erfahrung mit dem selbstlosen und opferbereiten Dienst des Pflegepersonals, in dem eine andere und neue Dimension aufleuchtet. Und man müsse anfangen, einen Gedanken in diese Richtung zu verschwenden. Für Schörghofer ist die Erfahrung genau die, die auch das Wirken der ReligionslehrerInnen ausmacht.
Mit dem Hinweis auf den Biochemiker Gottfried Schatz, der in der Neuen Züricher Zeitung die Einmaligkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen durch den variablen Informationsreichtum unseres Genoms dargestellt hat, verdeutlichte Schörghofer auch die Vielfalt und Unterschiedlichkeit unserer Wahrnehmung, durch die auch eine Vielfalt von Gottesbilder gegeben sei.
Selbsterfahrung mache allerdings Selbstüberschreitung notwendig. Meine Einzig-artigkeit empfange ich durch die Wahrnehmung eines anderen Menschen.
Ernsthafte Wahrnehmung einer Erfahrung, auch einer Krankheit, kann so immer auch der Anfang von etwas Neuem sein.

Mut zum Scheitern
Den zweiten Vortrag leitete der Referent wieder mit einer chassidischen Geschichte ein, die davon handelte, dass ein Rabbi bei der Suche nach einem Schatz unter einer Brücke schließlich beim Schatz unter dem Ofen seines eigenen Zimmers landete. Diesen Schatz fand er, weil er Mut zum Risiko hatte, aber auch offen war für den Rat anderer Menschen.
Mit zum Risiko, der mit dem Mut zum Scheitern verbunden ist, sei auch für die Kirche notwendig. Erfahrungen des Scheiterns gäbe es für sie damals wie heute.
Dadurch gewinne sie aber entscheidende Einsichten.
Der an Krebs erkrankte und kürzlich verstorbene Regisseur Christoph Maria Schlingensief wünschte sich in dieser Hinsicht eine ehrlichere und menschlichere Kirche, die offener mit ihren Fehlern und Schwächen umgehe.
In ihrer Geschichte machten die Jesuiten gewaltige und notwendige Erfahrungen des Scheiterns. So scheiterten in der Vergangenheit zwei große Projekte: Die Inkulturation des Christentums in Asien, speziell in China mit der Adaption der regionalen Sitten und Gebräuche und die Indianerreduktionen in Lateinamerika.
1773 wurde schließlich der ganze Orden eine Zeit lang aufgehoben und der Ordensgeneral vom Papst in die Engelsburg verbannt, wo er zwei Jahre später verstarb.
Dass Wunden sehend machen können, zeigen uns der auferstandene Herr in seiner Begegnung mit dem Apostel Thomas auf, aber auch der avantgardistische Künstler Josef Beys („Zeige deine Wunde!“ untertitelte er ein Bild) und der Schriftsteller Georg Büchner in seinem „Woyzeck“, wo es heißt: „ Wir haben der Schmerzen nicht zu viel, sondern zu wenig. Denn durch den Schmerz gehen wir ein zu Gott.“
In Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ (1964) heißt es: „..Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn. Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf. Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren…“

Vom Zauber des Schwebens
Im dritten Referat am Nachmittag verdeutlichte P. Schörghofer die von Ignatius geforderte indifferente Grundhaltung zu allen Dingen mit dem für ihn faszinierenden Bild des Schwebens.
Erfahrungen des Schwebens vermitteln in der Musik Litaneien, Gregorianik, aber auch das Rosenkranzgebet, die Bibel mit dem Gang Jesu über das Wasser, in der bildenden Kunst z.B. ein Bild von Caravaggio, auf dem er die Berufung des Apostels Matthäus in einer nicht eindeutigen Weise darstellt. Diese Einstellung eines offenen Ausgangs des Geschehens gäbe auch der zuletzt gedrehte Film über Lourdes wieder.
Eine persönliche Erfahrung des Schwebens machte P. Schörghofer in einem Traum, der ihm das Erlebnis vermittelte, bei einer Kletterei unter einem überhängenden Felsen an einem Seil zu hängen und damit Sicherheit zu haben.
Als er an einem festen Standplatz dann das an seinem Brustgeschirr befindliche Seil ganz leicht lösen konnte, merkte er, dass dieses nur ein dünner Wollfaden war. Für den Jesuitenpater wurde dieser dünne Faden zum wichtigen Bild der Alltags-erfahrung mit der schützenden Hand Gottes.
Die mit der Erfahrung des Schwebens verbundene notwendige offene Haltung, die das eigene Leben und das der anderen nicht festlegt, spiegle auch die geduldig offene Haltung Gottes wieder, die er uns und seinem Volk gegenüber einnimmt. Gott wartet und hält offen, er urteilt und verurteilt nicht. Gott setzt das Urteil aus. Er suspendiert permanent. Darin besteht das Geheimnis seiner Liebe. Liebende suspendieren und tragen so einander. Das zu tun, dazu sind wir berufen.

 

Bericht: Dr. Ludwig Trojan