| |
Danach
war der Tagungsreferent, Pater Dr. Gustav Schörghofer SJ,
Rektor der Wiener Universitätskirche der Jesuiten und
Künstlerseelsorger, am Wort.
Mit dem Thema „Warst du wirklich du selbst“ gab er in drei
Referaten der Berufung zum Selbstsein in christ-licher Schau
Raum.
Mit behutsamen und einfühlsamen Worten schaffte er mit
Verweisen auf bildende Kunst und Literatur be-deutende
Zugänge zu diesem Thema. Insgesamt fand die Tagung in guter
Atmosphäre statt und die Aus-führungen des Referenten wurden
gut angenommen.
Den Abschluss bildete wieder der feierliche
Bischofsgottesdienst, in dem Dr. Alois Schwarz den
anwesenden KollegInnen Mut für das neue Schuljahr zusprach
und ihnen für ihr bedeutsames Wirken dankte. Musikalisch
beeindruckte wiederum der Chor unter der Leitung von Dipl.
Päd. Waltraud Leopold, der nicht nur den Gottesdienst,
sondern die ganze Veranstaltung musikalisch umrahmte. |
| |
Hier nun einige Zeilen zu den Ausführungen von Dr.
Schörghofer:
Wo fange ich an?
Den ersten Vortrag unter diesem Titel eröffnete P.
Schörghofer mit einer Tonbandaufzeichnung des letzten
„Schalldämpfers“ von Axel Corti, in dem dieser – drei Tage
vor seinem Tod - in einer adventlichen Betrachtung die
Identität des Menschen in den Blick nahm. Der Ausgangpunkt
dieser Betrachtung war eine chassidische Legende, die davon
handelte, dass Rabbi Hillel nach seinem Tod für einen
Augenblick aus dem Jenseits zurückkehren konnte und den
Umstehenden mitteilen durfte: „Es ist alles ganz anders.
Gott fragt: Wer warst du? Du musstest nicht Abraham oder
Moses oder irgendein Heiliger gewesen sein…., sondern warst
du Rabbi Hillel?“
Die Erkenntnis, dass Gott uns zu uns selbst, zu unserem
eigenen und innersten Wesen ruft und beruft, sei aber nicht
durch bloßes Nachdenken zu gewinnen, sondern durch
existentielle Erfahrung, wie es der schwerkranke Corti in
seinem „Schalldämpfer“ formuliert hat: „Unser Herz ist tief.
Aber wenn wir nicht hinein-gedrückt werden, kommen wir nie
bis auf den Grund. Und doch, man muss auf dem Grund gewesen
sein, darum handelt´s sich.“
In dieser letzten Radiosendung spricht Corti auch von seiner
Erfahrung mit dem selbstlosen und opferbereiten Dienst des
Pflegepersonals, in dem eine andere und neue Dimension
aufleuchtet. Und man müsse anfangen, einen Gedanken in diese
Richtung zu verschwenden. Für Schörghofer ist die Erfahrung
genau die, die auch das Wirken der ReligionslehrerInnen
ausmacht.
Mit dem Hinweis auf den Biochemiker Gottfried Schatz, der in
der Neuen Züricher Zeitung die Einmaligkeit und
Einzigartigkeit jedes Menschen durch den variablen
Informationsreichtum unseres Genoms dargestellt hat,
verdeutlichte Schörghofer auch die Vielfalt und
Unterschiedlichkeit unserer Wahrnehmung, durch die auch eine
Vielfalt von Gottesbilder gegeben sei.
Selbsterfahrung mache allerdings Selbstüberschreitung
notwendig. Meine Einzig-artigkeit empfange ich durch die
Wahrnehmung eines anderen Menschen.
Ernsthafte Wahrnehmung einer Erfahrung, auch einer
Krankheit, kann so immer auch der Anfang von etwas Neuem
sein.
Mut zum Scheitern
Den zweiten Vortrag leitete der Referent wieder mit einer
chassidischen Geschichte ein, die davon handelte, dass ein
Rabbi bei der Suche nach einem Schatz unter einer Brücke
schließlich beim Schatz unter dem Ofen seines eigenen
Zimmers landete. Diesen Schatz fand er, weil er Mut zum
Risiko hatte, aber auch offen war für den Rat anderer
Menschen.
Mit zum Risiko, der mit dem Mut zum Scheitern verbunden ist,
sei auch für die Kirche notwendig. Erfahrungen des
Scheiterns gäbe es für sie damals wie heute.
Dadurch gewinne sie aber entscheidende Einsichten.
Der an Krebs erkrankte und kürzlich verstorbene Regisseur
Christoph Maria Schlingensief wünschte sich in dieser
Hinsicht eine ehrlichere und menschlichere Kirche, die
offener mit ihren Fehlern und Schwächen umgehe.
In ihrer Geschichte machten die Jesuiten gewaltige und
notwendige Erfahrungen des Scheiterns. So scheiterten in der
Vergangenheit zwei große Projekte: Die Inkulturation des
Christentums in Asien, speziell in China mit der Adaption
der regionalen Sitten und Gebräuche und die
Indianerreduktionen in Lateinamerika.
1773 wurde schließlich der ganze Orden eine Zeit lang
aufgehoben und der Ordensgeneral vom Papst in die Engelsburg
verbannt, wo er zwei Jahre später verstarb.
Dass Wunden sehend machen können, zeigen uns der
auferstandene Herr in seiner Begegnung mit dem Apostel
Thomas auf, aber auch der avantgardistische Künstler Josef
Beys („Zeige deine Wunde!“ untertitelte er ein Bild) und der
Schriftsteller Georg Büchner in seinem „Woyzeck“, wo es
heißt: „ Wir haben der Schmerzen nicht zu viel, sondern zu
wenig. Denn durch den Schmerz gehen wir ein zu Gott.“
In Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ (1964)
heißt es: „..Ich will nichts mehr für mich. Ich will
zugrunde gehn. Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich
Böhmen wieder. Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf. Von
Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren…“
Vom Zauber des Schwebens
Im dritten Referat am Nachmittag verdeutlichte P.
Schörghofer die von Ignatius geforderte indifferente
Grundhaltung zu allen Dingen mit dem für ihn faszinierenden
Bild des Schwebens.
Erfahrungen des Schwebens vermitteln in der Musik Litaneien,
Gregorianik, aber auch das Rosenkranzgebet, die Bibel mit
dem Gang Jesu über das Wasser, in der bildenden Kunst z.B.
ein Bild von Caravaggio, auf dem er die Berufung des
Apostels Matthäus in einer nicht eindeutigen Weise
darstellt. Diese Einstellung eines offenen Ausgangs des
Geschehens gäbe auch der zuletzt gedrehte Film über Lourdes
wieder.
Eine persönliche Erfahrung des Schwebens machte P.
Schörghofer in einem Traum, der ihm das Erlebnis
vermittelte, bei einer Kletterei unter einem überhängenden
Felsen an einem Seil zu hängen und damit Sicherheit zu
haben.
Als er an einem festen Standplatz dann das an seinem
Brustgeschirr befindliche Seil ganz leicht lösen konnte,
merkte er, dass dieses nur ein dünner Wollfaden war. Für den
Jesuitenpater wurde dieser dünne Faden zum wichtigen Bild
der Alltags-erfahrung mit der schützenden Hand Gottes.
Die mit der Erfahrung des Schwebens verbundene notwendige
offene Haltung, die das eigene Leben und das der anderen
nicht festlegt, spiegle auch die geduldig offene Haltung
Gottes wieder, die er uns und seinem Volk gegenüber
einnimmt. Gott wartet und hält offen, er urteilt und
verurteilt nicht. Gott setzt das Urteil aus. Er suspendiert
permanent. Darin besteht das Geheimnis seiner Liebe.
Liebende suspendieren und tragen so einander. Das zu tun,
dazu sind wir berufen. |